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Häuptling Schwarze Frikadelle

Das ist nicht etwa ein lediges Kind von Winnetou. Hier geht es um Helmut Broger aus Mellau, dem ich diese Geschichte widmen möchte.


Helmut wird 1947 im Bären in Mellau geboren. Die junge Familie von Hubert Broger logierte nach dem 2. Weltkrieg in einer kleinen Wohnung im Obergeschoss des Bären und Metzgermeister Hubert betrieb im Erdgeschoss eine kleine Bauernmetzgerei.


1948 baute man das Haus mit Metzgerei in der Klaus, das bis heute dort steht. Übrigens hatte auch die Familie Vinzenz Bischof eine Wohnung im Bären und Sohn Heinz

(Tenne Heinz) wurde auch im Bären geboren.


Die Familie Broger vor ihrem neuen Haus in der Klaus mit Bella, Sophie, Hubert und Metzgergeselle Harald Haller um 1955. Das Haus wurde damals mit Steinen aus der angrenzenden Bregenzerache gebaut.


Hubert Broger wollte ein Geschäftslokal im Zentrum und hat zunächst ein Kellerlokal im Gasthof Kreuz gepachtet.


Diese Postkarte zeigt das Schild des Ladens. Hier hinein kam später dann die erste moderne Kegelbahn im Mellau.


Das Geschäftslokal für Fleisch und Wurstwaren der Familie Broger wurde 1958 am Mellenbach eröffnet.


Hubert Broger war später von 1961 bis 1963 Pächter des Bären. Sein Vorgänger schuldete Hubert eine große Summe Geld, da er die Fleischrechnungen nie bezahlte. Der damalige Besitzer des Bären Dr. Fritz Schindler bezahlte die Schulden an Hubert, dafür musste oder konnte Hubert den Bären für 2 Jahre unentgeltlich pachten.


Hermann Broger erzählt, dass man im Frühwinter vor der Eröffnung die gesamte Wurst- und Selchwaren Produktion auf Schlitten von der Klaus in den Bären verfrachtete. Der Kühlraum stand zum Beispiel dort, wo sich heute im Cafe Deli das schöne Seitengewölbe befindet. Die Wursterei und Selcherei befand sich in der späteren Bärenhöhle von Adi Schneider.


Hubert Broger war der geborene Wirt, dass haben viele Zeitzeugen immer wieder gesagt. Er war auch ein guter Koch.


Gemeindeblatt 28.1.1962


Vor allem war er ein Meister am offenen Grill, der sich links vom heutigen Buffet in Sandro's Pizzeria befand.


Marianne Moosmann (Mariegretlars) war zu dieser Zeit Köchin im Bären und Helmut Broger begann seine Kochlehre im Bären.


1963 wurde es einfach zuviel für die Familie Broger. In der Klaus hat man die Metzgerei betrieben. Der neue Laden am Mellenbach wurde von den Damen geführt. Nach Feierabend musste Bella dann im Bären aushelfen. Im Bären wurde in der Wursterei und Selcherei gearbeitet und gleichzeitig hat man den Bären geleitet.


Helmut konnte mit Küchenchef Werner Zünd nach Lech ins Hotel Sandhof und hat dort seine Kochlehre weitergemacht.


Danach hat Helmut an mehreren Plätzen als Koch gearbeitet. Er war Küchenchef im Hotel Post in Bezau und im Gasthof Kreuz in Mellau.



Da es in den 60er Jahren mit den Ausnahmen Egg, Schröcken und Damüls im Bregenzerwald kaum eine Wintersaison gab, fuhr Helmut mit seinem Renault Gordini im September 1967 nach Lugano und wurde Küchenchef im Ristorante Giardino in Lugano, Schweiz.

Tone Matt folgt ihm an Weihnachten und war sein Sous Chef.




Im April war das Auslandsgastspiel vorbei. Helmut ging wieder in die Post nach Bezau als Küchenchef und Tone hatte genug Arbeit, da man im Herbst den alten Adler abgebrochen und neugebaut hat.


Als nach der Bauphase von 1972 bis 1974 das Kreuz, der Engel und das Kanisfluh vom Gasthof zum Hotel mutierten, taten sich die Einheimischen schwer an ihre gewohnten Stammtische zurück zu kehren. Oft waren es Schwellenängste, weil die Wirtschaft nun zu nobel sei. Aber man hat die Stammtische schon auch für a la carte Gäste reserviert und vielleicht die Einheimischen nicht mehr so gebraucht. Ausnahme war der Gasthof Adler, aber der war ja ein Gasthof und kein Hotel. Außerdem gab es ab Winter 1973/1974 die Bergbahnen und somit einen Zwei Saisonenbetrieb.


Kurz und gut, die Zeit war gekommen für neue Konzepte. Helmut Broger lieferte genau das Richtige zur richtigen Zeit. Im Herbst 1974 wanderten das Fleisch- Wurst- und Selchwaren Programm von mittlerweile Hermann Broger über die Strasse in den Konsum. Der Broger Laden wurde aufgelassen und zum Beisl umgebaut.



Das Metzgerstüble wurde am 1. 2. 1975 eröffnet


Helmut ist mittlerweile mit Angelika verheiratet.


Das Konzept Metzgerstüble war genial. Am Vormittag versammelten sich dort nun die älteren Herren, die nicht mehr zum Stammtisch gingen. Auf einmal waren auch ein paar verwegene Damen am Vormittag schon in der Wirtschaft. Das hat es vorher eigentlich nicht gegeben. Das Konzept Einkaufen im Konsum und danach no gnot uf a Kaffele oder Achtele zum Heli gau lief hervorragend.


Helmut hat im Bregenzerwald das erste Fast Food Lokal etabliert. Seine Kawasaki Brötle und andere Spezialitäten wurden beinahe weltberühmt. Etwas für den schnellen Hunger, so zwischendurch hat es vorher nicht gegeben. Es gab auch ein Mittagsmenü für die Arbeiter.



Das Metzgerstüble war auch das erste Take-away Konzept im Tal. Es gab eine Durchreiche übr d'Gass. Man konnte nun ganz ungezwungen im Schaffar Häs oder nach dem Einkauf im Konsum sein Hennele, seine Schweinshaxen oder Anderes mit nach Hause nehmen.


Die Gasse wurde von Helmut kurzerhand in 'Rue de la Gag' umbenannt. Warum weiß keiner. Helmut war nicht nur ein begnadeter Wirt und hervorragender Koch, er war auch ein Marketing Guru.


Auf einmal gingen auch die Frauen nach dem sonntäglichen Gottesdienst einkehren und gingen danach mit ihren Männern und dem Mittagessen nach Hause. Die Häme im Dorf war damals groß und die Frauen wurden als Weiber, die zu faul zum Kochen seien, verschrien.


Am Nachmittag war sicher die ruhigste Zeit. Da machte Helmut seine kulinarischen Vorbereitungen und seine Einkäufe. So ab 16:00 Uhr ging es dann wieder los. Helmut kannte jeden und jeder kannte Helmut. Die Wirte aus dem Hinterwald kamen auf ihrer Durchfahrt auf ein Schnelles vorbei und das Metzerstüble wurde mehr und mehr zum Treffpunkt in Mellau.


Am Abend war immer die Hölle los. Helmut's Sound aus der Sendekapsel brachte die Gäste in Stimmung. Warum Sendekapsel, keiner weiß warum. Das war einfach so. Das Metzgerstüble war sehr beliebt zum Vorglühen, bevor man in die Tanz Tenne ging und oft auch noch zum Nachglühen.


Die Bergspatzen, Bertram Leitner, Martin Berchtold, Wolfgang Wirth, Klaus Berchtold.





Ich habe Helmut's Werbebotschaften immer mit einem lachenden Gesicht gelesen.


Gemeindeblatt 24.7.1978


Helmut hatte ein gutes Gespür für seine Gäste und er war ein guter Verkäufer. Helmut hat genau gewusst, wer etwas Besonderes wollte und konnte in Minuten einen geräucherten Lachs aus dem Hut zaubern.



Helmut konnte fast alles, er konnte auch Chinesisch.


Im Metzgerstüble hat man auch immer schnell Anschluß gefunden und man traf interessante Menschen und Persönlichkeiten.




Im Sommer 1987 haben sich die Vier Piccolos der 60er Jahre noch einmal zusammengetan und haben eine Musikkassette produziert.


Die Konzert Plakate sind eingetroffen.



Das Revival der Vier Piccolos (eigentlich nur Drei, denn Bertram Wüstner fehlte bei dieser Aktion). Helmut ist wieder im Musikhimmel, wie damals.





Gemeindeblatt 11.2.1990




1991 wird das Hotel Bären veräußert. Die 3 Broger Brüder Hermann, Helmut und Wilfried bekundeten Interesse. Dieser Deal ist leider nicht zustande gekommen, was ich persönlich immer schade fand.



1992 kauft die Familie Frick aus Reuthe den Bären. Herbert Frick's Konzept war das Hotel zu sanieren und Geschäftsflächen zu verpachten. Die Pächter mussten dann ihre Gewerke selber bauen und finanzieren.


Die Bärenstube, die 1968/1969 neu eingebaut wurde.


Helmut und seine Frau Angelika hatten Interesse an der Bären Stube. Helmut hat viele seiner Kollegen um ihre Meinung gefragt, auch mich. Ich kann mich gut erinnern, wie er mit mir im Metzerstüble die kleine enge Kellertreppe runter gegangen ist, seine Pläne auf dem Hackstock ausgebreitet hat und mir das Projekt vorgestellt hat.


Helmut wollte ein Erlebnislokal, wie er es in Nikis Stadl oder bei Rainer Alt in der Enzianhütte in Steibis/Allgäu gesehen hatte. Daneben wollte er eine feine Küche anbieten.


Gemeindeblatt 16.10.1992


Hätte man damals betriebswirtschaftliche Erhebungen in der Wälder Gastronomie gemacht, wäre das Metzgerstüble beim Punkt 'Umsatz pro Quadratmeter' sicher als Sieger hervorgegangen. Also habe auch ich, wie viele andere auch, Helmut abgeraten. Warum eine Kuh schlachten, die noch soviel Milch gibt.



Aber ich verstehe heute Angelika und Helmut. Sie wollten sich verändern. Ausserdem war Sohn Christian gelernter Koch und hat zu dieser Zeit bei den Obauer Brüdern in Werfen/Salzburg gewirkt. Für innovative Leute muss Arbeit auch Erfüllung sein.



Im Herbst 1993 stand das Bärenkonzept und die Pläne waren fertig. Das Erdgeschoss wurde verpachtet an Adi Schneider Bärenhöhle, an Rudolf Fröwis, Bezau Backwaren Geschäft und an Klara Haller Tabak Trafik. Helmut Broger pachtete die Fläche der Bärenstube mit Küche.


Herbert Frick und Helmut Broger liessen ihre Vorstellungen vom damals schon etablierten Architekten Hermann Kaufmann verwirklichen.


Baustart war am 15. 10.1993


Helmut's Ziel war ambitioniert, er wollte in zwei Monaten eröffnen. Adi Schneider bekam erst am 15. November eine Zusage und eröffnete an Weihnachten. Die beiden Geschäfte waren erst für eine Eröffnung im kommenden Frühjahr geplant und das Hotel im Sommer 1994.


Das Erdgeschoss wir um einen Meter tiefer gelegt, um Höhe zu gewinnen.


Umbau Bärenstube und Küche.


Gemeindeblatt 5.11.1993


Das Metzgerstüble wird von Tochter Alexandra und Jürgen Oberhauser, Bezau gepachtet. Die Eröffnung findet nach einer Umbauphase am 17.12.1993 statt.



Baufortschritt Ende November.


In einer Woche ist Eröffnung.



Die Familie Helmut Broger eröffnet die Bären Stube am 15. 12.1993


Entstanden ist ein hochwertiges, wunderschönes Lokal. Es hatte zwei Probleme.


Durch die ausschließlichen harten Flächen war keinerlei Schalldämmung gegeben und die Akustik war bedenklich. Bereits im darauffolgenden März wurden zwischen den Tischen Schallschutzwände errichtet.


Das geradlinige Design war seiner Zeit gut zehn Jahre voraus. Aber man muss auch sehen, dass es oft die Mutigen und Innovativen sind, die neue Trends setzen und die Welt verändern.


Ich bin im Jänner 1994 vom Schiff zurückgekehrt und bin mit meinem Freund Tone Matt zum Hausball ins Kreuz. Dort haben wir am Tisch vom Pfarrer noch einen Platz ergattert. Der Pfarrer begrüßte uns und sagte zu mir: "Hoi Kläusle, bischt ou wiedr do. Bischt scho im nöuo Bäro gsi?" Ich antwortete mit nein, daraufhin sagte der Pfarrer: "I gloub, du häascht nüd vrsummt, ma seyt as schout us wie in ar Bahnhofsreschte. Die Gesellschaft war einfach noch nicht reif für diese Innenarchitektur.


Gemeindeblatt 14.1.1994


Auch Helmut merkte bald, dass er nicht die Enzianhütte und Mellau nicht Ischgl war. Bereits nach dem Neujahr rief er Bärbel und Herbert Frick an, die sich gerade im Urlaub befanden.

Er pachtete die letzte freie Fläche, die später das Bärle geben sollte. Sohn Bernd Frick hatte noch Ambitionen dorthinein selber eine Bar zu machen, deshalb war diese Fläche noch frei.


Helmut bekam den Zuschlag.


Er ließ in Rekordzeit Pläne anfertigen und das Bärle wurde in 43 Tagen gebaut.


Gemeindeblatt 27.2.1994


Gemeindeblatt 18.3.1994




Wie das Bärle zu seinem Namen kam?

Helmut hat mir im Jänner erzählt, dass er ein neues Metzgerstüble bauen wolle. Dabei haben wir auch über einen Namen der neuen Lokalität nachgedacht. Auf der Nachhausefahrt hatte ich dann die zündende Idee.

Im Wälder Dilaket ist ein Bärle nicht nur ein kleiner Bär, sondern auch eine kleine Bar. Seither bin ich bei Helmut der Götte vom Bärle. Manchmal hörte er dann doch auf seine Kollegen.


Helmut startet seine Kawasaki Produktion wieder und alle freuen sich.


Sophie Broger, Lotte Flatz, Jakob Simma.



Aber in den oberen Gemächern will es einfach nicht so richtig laufen. Man baut die Bar um.


Ab Juli ist dann der Bären in neuem Glanz erstrahlt.


Angelika, Christian und Helmut liefern Tag für Tag. Aber was tun, wenn es die Leue nicht annehmen. Das Problem kommt mir irgendwie bekannt vor.


Dr. Gottfried Feuerstein aus Andelsbuch und Dr. Knöchel.


Übrigens gab es auch in Helmut's Bärle eine Sendekapsel.



Nach der Wintersaison verlässt Christian Broger die Bärenstube und Helmut versucht es bodenständig.


Gemeindeblatt 12.5.1995


Helmut im Bärle


Wiederum versucht Helmut mit gezielten Aktionen, Gäste zu werben. Schön das es so etwas gibt in einer kleinen Wälder Gemeinde, müsste man meinen.


Die zwei Marinos Günter Veith und Albert Hager in der Bärenstube.



Im Juni 1996 gibt die Familie Broger die Bären Stube auf und Helmut konzentriert sich aufs Bärle.

Christof Haller im Bärle.


1997 feiert Helmut seinen 50er.


Johnny Dreher mit Friedl Natter 1997 einige Tage vor Johnny's tragischem Unfall.


Wann & Wo 24.4.2000



Adi Schneider und Günter Baurenhas tun sich im Dezember 2000 zusammen und lösen Helmut's Bärle ab.



Helmut bleibt dem Bärle erhalten und arbeitet dort noch bis nach der Wintersaison 2002.


Arnold Natter, Hubert Ratz und Ilga Gasser im Bärle.



Im Frühsommer 2002 zieht Helmut nach Dornbirn und verlässt Mellau.


Werner und Nori Zünd kaufen das Metzgerstüble von Helmut im Jahr 2005.


Helmut war ein sehr guter Koch, ein Parade Wirt und hat Trends in unserer Branche im Bregenzerwald gesetzt. Er hat mit seinem Mut und seinem Risiko Schiffbruch erlitten in der Bären Stube. Aber es war sein Schiffbruch. Uns steht es nicht an nach Ursachen oder Schuldigen zu suchen. Bedanken wir uns lieber bei Helmut für die beinahe 30 Jahre Gastfreundschaft, die wir bei ihm geniessen durften.


In der Bären Stube ist mittlerweile Sandro Pächter, davor Michele und davor Marlies Kritsch.


Und ausserdem, das mit dem Schiffbruch hat eine Tradition.

Dieser Spruch stammt von der Alt-Kreuz Wirtin Elisabeth Bitschnau.


Der Bären ist ein wildes Tier, er hat gefressen zwei, drei, vier - den Fünften hat er schon im Rachen, wie wird er's wohl dem Sechsten machen.



Helmut mit der Schlagersängerin Claudia Jung in der Enzianhütte.


Lieber Helmut, vielen Dank für die Bilder und die lustigen und manchmal auch traurigen Geschichten.







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