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Amazonas Reise, fast schon dekadent

1991 im Sommer habe ich als Hotel Director bei der Reederei Seabourn angefangen.


Der norwegische Privat Reeder Atle Bryndestad ließ 1987 und 1988 die Seabourn Pride und die Seabourn Spirit in der Seebeckwerft in Bremerhaven, Deutschland bauen. Eigentlich waren es zwei übergroße Jachten. 210 Passagiere und 180 Besatzung, das ist ein Ratio, dass bis heute unerreicht ist. Dementsprechend war der Service an Bord.




Das Konzept war damals völlig neuartig. Wegen der Größe der Schiffe war es ein reines Nischenprodukt. Man konnte an Destinationen gelangen, wo die grösseren Kreuzfahrtschiffe nicht hin konnten.


Völlig neu war auch das sogenannte Fold-Out Marina. Am Heck des Schiffes konnte man eine Klappe herunter fahren. Daran befestigt war eine Art Swimming Pool Plattform mit einem Stahlgitter Korb unter Wasser.


Somit konnten wir einsame Buchten ansteuern, das Marina ausfahren und den Gästen Tretboote, Kajaks, Surfbretter und Wasserski anbieten.


Unsere 14-tägige Amazonas Reise begannt in der südlichen Karibik, in Bridgetown, Barbados. Dort wurden die Lager aufgefüllt und unsere wohlbetuchten älteren und fast ausschließlich US-amerikanischen Gäste bordeten das Schiff um 16:00 Uhr.


Im Hafen von Bridgetown, Barbados Ende November 1991


In meinem Büro auf der Seabourn Spirit.




Nach zwei Tagen auf See erreichen wir die Ile Royale in Französisch-Guayana.

Von dort aus bot man einen Halbtagesausflug zur Ile du Diable, der Teufelsinsel an.


Ich hatte schon viele Jahre zuvor das Buch 'Papillon' gelesen und auch den gleichnamigen Kinofilm mit Dustin Hoffman und Steve MacQueen gesehen. Für mich war es ein erhebendes Gefühl, diesen geschichtsträchtigen Boden zu betreten.


Französisch- Guayana und die umliegenden Inseln waren ab 1852 eine Strafkolonie für Berufs- und Schwerverbrecher. Auch der französische Abgeordnete Alfred Dreyfuss wurde dorthin verbannt.


Auf dem Weg nach Ile Royale mit Mitarbeitern.


Der ehemalige Gefängniskomplex.


Der zerfallene Zellentrakt.


Im Einzelzellentrakt.


Einzelzelle.


Das ehemalige Haus von Alfred Dreyfuss.


Nach einem weiteren Tag auf See begann das eigentliche Amazonas Abenteuer. Zuerst erkennt man am gelben Wasser, dass man sich dem 200 km breiten Mündungsgebiet des Amazonas nähert. Dann fährt man weitere 24 Stunden bis man das erste Land entdeckt.


Unsere nächste Destination war eigentlich Sanarem, Brasilien.



Der Schiffsfahrplan im Amazonas muss sehr flexibel sein, da es immer auf den Wasserstand ankommt. Bei unserer Reise war der Wasserstand sehr niedrig, da die Regenzeit wenig Wasser brachte. Ausserdem muss man immer den Gezeiten Unterschied beachten.


Nach der Mündung kamen einige brasilianische Personen an Bord. Darunter der Tourismus Minister für Amazonien, der während der Fahrt von der Brücke aus über die Aussenlautsprecher Erklärungen gab. Zwei Amazonas Lotsen, die im Schichtbetrieb 24 Stunden auf der Brücke anwesend waren und dem Kapitän halfen in diesen unvertrauten Gewässern zu navigieren. Mit an Bord kam auch ein ziemlich zotteliger Herr names Reto Calderari, der für unsere Gäste Vorträge halten und sie auf Landausflügen begleiten sollte.


Reto Calderari macht auf einem der Ausflugsboote ein Nickerchen.


Ich lud Reto noch am selben Abend zum Abendessen an meinen Tisch ein. Seine Lebensgeschichte war beachtlich. Reto stammte aus Disentis, Graubünden, Schweiz. In den 60er Jahren verließ er den armen Bergbauernhof seiner Eltern, da sein älterer Bruder die Landwirtschaft erben sollte. Er reiste nach Marseille, Frankreich. Dort heuerte er auf einem Frachtschiff an, dass nach Venezuela fuhr. Durch die Jahre wurde Reto zum Amazonas Experten. Schlagzeilen machte er, als der der sehr überheblichen National Geographic Society bewies, dass die bisher angenommene Quelle des Amazonas ganz einfach nicht stimmte.

Später war er als ausgebildeter Taucher der Führer für Jaques Cousteau, als dieser den Amazonas erforschte.

Für unsere Gäste und für mich war dieser Mann höchst interessant und seine Vorträge waren sensationell. Nicht schlecht für einen Bauernbuben aus dem hintersten Loch in den Schweizer Alpen.


Auf dem geraden Weg auf dem Amazonas Manaus zu erreichen, dass haben schon größere Kreuzfahrtschiffe vor uns erreicht. Aber wir wir wollte ja immer etwas Besseres bieten. Der Lotse empfahl dem Kapitän die Breves Narrows am Unterlauf des Amazonas zu wagen. Das hatte noch kein Kreuzfahrtschiff vorher geschafft. Dies ist ein halbtägiger Umweg über einen kleinen Seitenfluß.


Kleine Siedlungen an den Breves Narrows.



Begrüßung in Breves Village.


Das ganze Dorf bewundert das erste Kreuzfahrtschiff.


Dieser Umweg hatte sich sehr wohl gelohnt. Ab und zu war es so eng, dass man glaubte, man könne den Regenwald beinahe angreifen.

Weiter nach Santarem, Brasilien.




Von hier aus starten die Amazonas Riverboats für Touristen und als Transportmittel für Einheimische.


Wir hatten eine Overnight in Sanatrem.


Am nächsten Nachmittag ging es in Richtung Alter do Chao, Brasilien. Auf dem Weg blieb unser Schifflein das erste Mal auf einer Sandbank sitzen. Wir mussten 4 Stunden auf die Flut warten um weiterzukommen. Das gehört im Amazonas einfach dazu.


Am nächsten Vormittag erreichenden wir Alter do Chao.


Ein Strand mitten im Regenwald und ein Beach Tag für unsere Passagiere. Ins Wasser traute sich fast niemand wegen der Piranhas.





Am Abend liefen wir aus. Die nächste Destination war Boca de Valeria, Brasilien.


Am folgenden Nachmittag informierte mich der Kapitän, dass wir am Nachmittag ein paar Stunden ankern müssen, da wir auf die Flut warten mußten. Ich bat ihn, das Marina zu öffnen, damit die Gäste sich die Zeit vertreiben konnten.



Der junge Chef Ingenieur fuhr damals das 120 PS starke Zodiak Schlauchboot, dass wir zum Wasserschifahren benutzen. Er rief mich im Büro an, ob ich nicht eine Runde mit ihm drehen wolle. Ich war als ziemlich guter Monoski Fahrer bekannt. Ich dachte mir, cool, dass hat sicher noch kein Wälder gemacht. Ich dachte schon an die Piranhas und startete deshalb von der Swimming Pool Rampe. Als meine Arme langsam müde wurden, musste ich mir langsam überlegen, wie ich wieder zur Rampe gelangte, ohne ins Wasser zu müssen.


Auf diesem Bild sieht man, wie ich im letzten Moment die Leine loslasse. Die Geschwindigkeit trieb mich auch so zur Rampe und im letzten Augenblick fasste ich die rettende Leiter am Swimmingpool.


Die Rosa Delphine im Amazonas.


Am folgenden Morgen erreichten wir Boca de Valeria.


Eine schwierige Tender Operation mit sehr wenig Wasser. (Die Rettungsboote, die benutzt werden, wenn man vor Anker liegt, nennt man Tender).

Auch hier waren wir wieder auf eine Sandbank aufgelaufen und mussten die Flut abwarten.


Am Mittag ging es weiter in Richtung Manaus.



Am Abend an der Bar mit Gästen.


Am folgenden Nachmittag erreichten wir die Rio Negro Mündung.


Die Hochzeit der Gewässer.


Der pechschwarze Rio Negro erscheint wegen seines hohen Gehaltes an Huminsäuren und Fulvosäuren schwarz. Bei der Mündung in den Amazonas kämpft er kilometerlang mit dem Amazonas, bis schlussendlich der mächtige Amazonas das schwarze Wasser schluckt.



Noch in Florida habe ich mir das Video von Werner Herzog's Film 'Fitzcarraldo' besorgt, das sehr gut erklärt, warum die Gummibarone 1896 ein Opernhaus mitten in den Dschungel bauten. Der Film lief bei uns auf dem Schiff im TV am Nachmittag, bevor wir Manaus erreichten. Zu meinem grossen Erstauen, kannte kaum ein Gast weder die Thematik noch den Film.


In Manaus ist man ziemlich genau 3600 km von der Amazonas Meeresmündung entfernt.


Der Hafen von Manaus.


Im Hafengelände.


Wir blieben Übernacht in Manaus.


Das Teatro Amazonas - das Opernhaus.



Am nächsten Vormittag wollte der Tourismus Minister mit dem Kapitän und mit mir ein Meeting. Er schlug vor am frühen Abend den Rio Negro nach Anavilhanas hochzufahren.

Dort müsste man vor Anker gehen und es gäbe einen schönen Strand. Nach der Dunkelheit können die Passagiere mit kleinen Booten in den Dschungel hineinfahren und man könne Kaimane (Krokodile) anschauen.


Daraufhin rief ich meinen Küchenchef und Restaurantleiter auch zum Meeting und wir vereinbarten Folgendes: Wir wollten am Abend ein feines BBQ am Strand machen, aber im Seabourn Stil. Der Tourismus Minister versicherte uns, dass er für die Buffet Tische und den offeneren Grill sorgen werde. Ausserdem empfahl er, ein grosses Feuer zu entzünden, da die Mückenplage im Amazonas Gebiert ein Problem darstellte. Wir beschlossen unser Garten Mobilar an den Strand zu schaffen mit unserer Tischwäsche, unserem Porzellan, Silber und Gläsern.



Auf dem Weg nach Anavilhanas.


Als wir am späten Nachmittag in Anavilhanas ankamen, waren die Vorbereitungen bereits getroffen. Die Einheimischen hatten noch lokalen Fisch besorgt und es wurde ein BBQ, wie nur wir es machen konnten. Danach ging es mit den kleinen Booten in den Dschungel. Ich durfte auch mit. Die Nacht war pechschwarz. Man hörte nur die Geräusche des Dschungel. Auf dem Boot waren zwei Einheimische. Einer steuerte hinten das Boot und einer machten mit dem Taschenlampenstrahl die Kaimane aus. Auf einmal konnte man zwei rote Augen erkennen. Eine kleines Tier mit ca. einem Meter wurde sogar ins Boot geholt, um es zu streicheln. Das war eine unvergessliche Nacht.


Am folgenden Vormittag konnte unsere Gäste noch an den Strand und das Leben geniessen.


Am Strand von Anavilhanas haben wir das Caviar Service im Wasser erfunden, dass später weltberühmt wurde. (ein Archivbild einige Jahre später).


Die nächste Destination ist Parintins, Brasilien.


Auf dem Weg nach Parintins.



Ankunft in Parintins.


Nette Begrüssung an der Pier.


Wir waren Übernacht in Parintins. Die Stadt ist bekannt für den besten Karneval in Amazonien, das sogenannte Boi Bumba Festival. Für unsere Gäste wurde dieses Festival bereit auf Dezember vorverlegt.




Die nächste Destination ist Monte Dourado am Rio Jari, Brasilien.


Das Jari Projekt, das traurige Berühmtheit erlangte.

Dieses Projekt wurde von dem nordamerikanischen Milliardär Daniel K. Ludwig in den 1970er Jahren betrieben. Er kaufte 1967 16.000 Quadratkilometer Urwaldland in Brasilien am Jari-Fluss. Parallel zu diesen Aktivitäten begann die Betreiberfirma Eukalyptus anzupflanzen, da es sich hierbei um schnell wachsende Bäume handelte und man sich hieraus einen schnellen Profit versprach. Die ersten Bäume benötigten lediglich eine Wachstumszeit von sieben Jahren und konnten praktisch im achten Jahr verarbeitet werden. Begeistert von diesen Ergebnissen, wurde ein Urwaldgelände von der Größe Belgiens gerodet und mit Eukalyptus bepflanzt. Noch heute kann der Besucher die ökologischen Folgen dieses Raubbaus in dem großen Waldgebiet betrachten. Der Boden wurde in kurzer Zeit (nach 2–3 Ernten) unbrauchbar, und das Land verkarstete.


Mit Mitarbeitern auf dem Weg zu einem Wasserfall, wo unsere Gäste eine Erfrischungsstation brauchten.








Captains Farewell Night mit Kapitän Karlo Bür und Kazumi Masua, einer langjährigen Bekannten.



Die letzte Destination und Ende der Reise ist Belem, Brasilien.





Auch in Belem hatten wir eine Overnight.


Der Chef ist noch etwas müde und muss sich für die nächste Reise vorbereiten.


Die nächste Kreuzfahrt ging dann bis ans Ende der Welt, nach Ushuaia, Feuerland, Argentinien. Aber das ist eine andere Geschichte. Wenn man den Amazonas mit dem gewohnten Luxus bereisen will, bleibt nur ein Kreuzfahrtschiff. Ansonsten ist man mit dem Rucksack und Hängematte auf den Flußschiffen unterwegs - auch schön aber anders.


Seabourn hat damals neue Standards im Ultra-Luxus Segment der Kreuzfahrtbranche gesetzt

und war ein Produkt allerfeinster Güte.



Ein Promotion Video der Reederei Seabourn aus dem Jahr 2011


Die Filme Papillon und Fitzcarraldo kann ich wärmstens empfehlen.


Noch eine traurige Geschichte. Nachdem ich im Frühjahr wieder nachhause kam, wühlte ich mich durch die angesammelten Stapel von Post. Darunter war ein Brief aus Disentis. Sein Bruder Reto sei inzwischen verstorben und es sei meine Visitenkarte in seiner Geldbörse gefunden worden, schrieb sein Bruder, der Bauer.


Einige Destinationsbilder habe ich aus dem Internet geliehen, da ich ausser fotografieren auch noch arbeiten musste.









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