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Wälder im Urwald, Teil I

Kürzlich hat mir Wiltrud Sohler aus Egg, Großdorf erzählt, dass sie ein schönes Album über ihre Brasilien Reise im Jahr 2000 habe. Damals hatte man auch das österreichische Aussiedlerdorf Dreizehnlinden besucht.


Da in den dreissiger Jahren auch einige Mellau dorthin ausgereist waren, spielte ich schon länger mit dem Gedanken, darüber eine Blog Geschichte zu machen.


Spannend für mich waren die Fragen: Warum hat man damals seine Heimat verlassen mit einer grossen Chance nie mehr zurück zu kehren und wie hat man damals diese Siedlung aufgebaut.


Diesen Blogbeitrag in zwei Teilen widme ich allen Nachkommen der Siedlern und ihren Verwandten und Freunden.


Zuerst ein Blick zurück.


Die Besiedlung Amerikas durch die europäischen Königshäuser begann schon kurz nach der Entdeckung von Christoph Kolumbus im Jahr 1492.

Die Beziehung zwischen Österreich und Brasilien.


Die Kaisertochter Leopoldine von Habsburg-Lothringen wurde auf Anraten des mächtigen Staatskanzlers Fürst Metternich mit Dom Pedro, Großherzog von Portugal und Brasilien im Jahr 1817 in Wien verheiratet. Dom Pedro war nicht einmal anwesend, da der portugiesische Hof nach der Besetzung Napoleons nach Brasilien geflohen war.


Erzherzogin Leopoldine von Österreich.


Einzug der Kaisertochter 1817 in Brasilien.


Leopoldine war eine gebildete Frau und hatte einen nicht gerade intelligenten Dom Pedro geheiratet. Er war jedoch klug genug, die wichtigen Entscheidungen seiner Frau zu überlassen. Bei der Krönung Dom Pedro's zum Kaiser von Brasilien im Jahr 1822 hatte Leopoldine bereits einen guten Überblick über Brasilien. Bis dahin hatte Leopoldine bereits die Sklavenarbeit abgesetzt und die Schulpflicht eigeführt.


Noch vor der Krönung 1822 wurde auf Anraten der Kaiserin die Unabhängigkeit von Portugal ausgerufen.

"Brasilien gleicht einem Vulkan … Mit oder ohne Deine Hilfe wird es seine Trennung erreichen. Der Apfel ist reif, pflücke ihn jetzt, sonst wird er faul … Pedro, dieser Augenblick ist der wichtigste Deines Lebens … Du wirst die Unterstützung ganz Brasiliens haben."


Wer schon einmal in Brasilien war, hat vermutlich bemerkt, dass die Daumen hochgehen, wenn man sagt, man sei Österreicher oder Österreicherin. Leopoldine war die Landesmutter schlechthin für Brasilien.


Fortan rührte die Kaiserin die Werbetrommel die Grenze nach Uruguay mit deutschsprachigen Siedlern zu besetzten. So kamen 1825 Tiroler ins Land, die auch als erste jenen Landstrich bewohnten, wo später die Stadt Petropolis als Sommerresidenz der portugiesischen Könige errichtet wurde.


Dem Bevölkerungsaustausch lagen einerseits die ärmlichen Lebensbedingungen in den ruralen Gebieten Europas zugrunde, anderseits sollten europäische Billigarbeiter auch jene Löcher stopfen, die im brasilianischen Arbeitsalltag durch das Verbot der Einfuhr afrikanischer Sklaven entstanden waren.


Manche brasilianische Staaten - wie Sao Paulo - verfolgten damals eine geradezu aggressive Einwanderungspolitik. Auch tausenden Österreichern wurden die Reisekosten vorgestreckt und Starthilfen für landwirtschaftliche Existenzgründungen gegeben. Dokumentarisch belegt ist, dass 1919 nach dem Zerfall der Monarchie 850 arbeitslos gewordene k.u.k-Soldaten - darunter zahlreiche in der neu ausgerufenen Republik ihres Standes verlustig gegangene Offiziere - unter der Leitung von Rittmeister a. D. Othmar Gamillscheg nach Brasilien übersetzten, weil sie hofften, auf einer ihnen überlassenen Kaffeehazienda schnell zu Reichtum zu kommen. Die Träume wurden jedoch schnell von der Realität eingeholt. Sie arbeiteten als Gastwirte, Pianisten etc. in Sao Paulo.


Diese Auswanderungsaktion hatte danach zurecht in Österreich eine sehr schlechten Ruf.


Einer machte jedoch Karriere: Walther von Schuschnigg, Cousin des späteren Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg, avancierte zum österreichischen Konsul. Er stellte auch die Weichen dafür, dass zwischen 1933 und 1938 fast 800 Österreicher - vor allem aus Tirol und Vorarlberg - im südlichen Bundesstaat Santa Catarina die Kolonie "Dreizehnlinden" ("Treze Tilias") besiedelten. Der ehemalige Landwirtschaftsminister Andreas Thaler aus der Wildschönau in Tirol sicherte sich mit Schuschniggs Fürsprache auch die finanzielle Unterstützung von Ständestaat-Kanzler Engelbert Dollfuß zu.


Andreas Thaler geb. 1883 aus Oberau in der Wildschönau in Tirol.


Er war Gemeindevorsteher von Oberau, Tiroler Landtagsabgeordneter, Obmann des Reichsbauernbundes, Obmann des Tiroler Antisemitenbundes, Nationalratsabgeordneter der Christlich-Sozialen Partei und Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft.


Als Bauernsohn kannte Thaler die Nöte der Bauern in den Dreissigerjahren zur allzugut. Die Weltwirtschaftskrise brachte Arbeitslosigkeit, die nicht aufhören wollende Inflation seit den zwanziger Jahren, die Tausend-Mark Sperre Hitlers, die den österreichischen Tourismus 1933 zum Erliegen brachte und die strenge Erbfolge der Tiroler Bauern, wo der erstgeborene Sohn den Hof erbte und die anderen Geschwister leer ausgingen waren allgegenwärtige Sorgen. Zudem lag bereits damals Krieg in der Luft. Viele Weltkriegsteilnehmer wollten sich und ihren Söhnen einen weiteren Krieg ersparen und verließen dafür ihre geliebte Heimat.


Neus Wiener Journal 26.2.1931


Der Bauernsohn Ulrich Ilg aus dem Dornbirner Hatlerdorf war unter Thaler in der Ender Regierung Staatssekretär und unter der Dollfuß Diktatur jüngstes Kabinettsmitglied.


Ilg machte den Siedlungsgedanken in Vorarlberg bekannt.


Ein Bild aus den 60er Jahren.


In der 2. Republik wurde Ulrich Ilg 1945 der erste Landeshauptmann von Vorarlberg.

Neue Freie Presse 18.2.1931


1931 im März trat Andreas Thaler aus der Bundesregierung aus, um sich der Siedlungsgeschichte widmen zu können. Später soll er gesagt haben, er sei aus der Politik austreten, weil er nicht zu einem Spitzbub werden wollte, wie seine Kollegen in Wien.


Innsbrucker Nachrichten 21.3.1931


Die Regierung von Bundeskanzler Ender war im Juni 1931 vorbei und damit waren auch die Verbündeten von Thaler nicht mehr am Ruder.


1931 bereiste Thaler fast ganz Südamerika auf der Suche nach geeignetem Land für die Bauern. Nach reiflicher Überlegung entschied sich Andreas Thaler für Paraguay .


Thaler wurde vom brasilianischen Präsidenten ein Flugzeug zur Verfügung gestellt.


Wiener Zeitung 30.8.1931


Die Gegend um das spätere Dreizehnlinden in Brasilien gefiel Thaler auch sehr gut und er machte vor seiner Abreise nach Österreich einen Fragenkatalog für Konsul Schuschnigg.


Nun machte Thaler Werbung für seine Auswanderer Idee nach Paraguay in Vorträgen und im Rundfunk.


Wiener Zeitung 27.10.1931


Andreas Thaler bei einem Vortrag


Thaler wurde von den einen verehrt und von anderen als Sektenprediger verschrien.



Innsbrucker Nachrichten 2.12.1931


Österreich war zu dieser Zeit in einen politischen Vakuum mit keinen klaren Parlamentsstrukturen. Deshalb musste Thaler sein Aussiedlerprojekt verschieben.

Im Mai 1932 wurde der Austro Faschist Engelbert Dollfuß Bundeskanzler. In dieses Lager hatte Thaler Verbindungen. Ausserdem hatte der damalige Konsul von Brasilien Walther Schuschnigg einen heißen Draht zu Dollfuss.


Nun hatte auch Thaler wieder einen Bezug zum Parlament und nun verfolgte er das Projekt Brasilien als Auswanderungsland.

Das Gebiet des späteren Dreizehnlinden in Brasilien stand nach Thaler's Südamerika Aufenthalt auch ganz oben auf der Liste. Ausschlaggebend war für ihn die wenigen Kindergräber auf den Friedhöfen, denn Gelbfieber war damals in Südamerika eine grosse Plage. Zudem lag das Gebiet auf 700 bis 1300 Meter, war hügelig und die Temperatur war ähnlich wie in Südtirol und im Welsch Tirol (heutiges Trentin). Entscheidend für Thaler war auch die Bevölkerungsdichte des Landes, fünf Menschen pro Quadratkilometer, sowie die Eisenbahnanbindung zu den grossen Städten. Ausserdem gab es in dieser Gegend schon weitere deutschsprachige Auswanderer.



Von der brasilianischen Seite erhielt Thaler jede Unterstützung, man war gerne bereit Österreicher aufzunehmen. Auf seiner Reise durch den Bundesstaat Sant Catarina wurde Thaler vom österreichischen Konsul Walther von Schussnig beraten.

Im Dezember 1932 erhielt Thaler den beantworteten Fragenkatalog von Schussnig. Er schlug eine Siedlungsmöglichkeit in der Kolonie Sao Bento vor, nahe der Eisenbahnstation von Barra do Sao Bento, dem heutigen Itapui. Diese Kolonie wurde von Jose Schneider verwaltet. In dieser 1928 gegründeten Siedlung waren 300 überwiegend deutschkatholische Familien, Deutschbrasilianer, Reichsdeutsche, Österreicher, Deutschrussen und Schweizer.



Die ersten Österreicher im späteren Dreizehnlinden war die Familie Schaupenlehner aus Niederösterreich im Jahr 1930. Mit Freuden erfuhren sie 3 Jahre später, dass weitere Österreicher folgen sollten.


Unterdessen unterrichtete Thaler die neue Bundesregierung von seinen Erlebnissen in Südamerika und Bundeskanzler Engelbert Dollfuß gewährte einen ausserordentlichen Zuschuss zur Siedlungsgründung.

Im März 1933 gründete Thaler mit anderen die Auslandssiedlungsgesellschaft m.b.H.. Thaler wurde mit Einzelprokura ausgestattet und dies ermöglichte ihm, Liegenschaften im Ausland zu erwerben. Ausgestattet mit 500.000 Schilling von der Dollfuß Regierung konnte Thaler ein Gebiet mit 52 Quadratkilometern im vorgeschlagenen Gebiet kaufen. (Die Gemeinde Egg, Vorarlberg hat 65 Quadratkilometer).

Das erwartete die Siedler.


Die komplette Überfahrt mit allen Kosten beliefen sich auf 1000 Schilling, für Frauen und Kinder gab es Ermäßigungen. Dies inkludierte auch die Verpflegung. Bettzeug musste mitgebracht werden. 100 kg Gepäck pro Schiffkarte waren frei. Der Betrag musste 14 Tage vor Abreise an die Siedlungsgesellschaft überwiesen werden. Minderbemittelten wurde das Geld auch von der Gesellschaft vorgestreckt.


Die Siedler behielten die österreichische Staatsbürgerschaft. In Brasilien geborene Siedler erhielten automatisch die brasilianische und österreichische Staatsbürgerschaft.


Die Männer waren vom brasilianischen Militärdienst befreit.


Eine neue deutsche Schule, in der auch Portugiesisch unterrichtet wurde, war bereits vorhanden.


In Brasilien musste man eine Grundsteuer an den Bundesstaat entrichten. Eine Munizipalsteuer konnte durch Wegbauten, die auch den Siedlern zugute kamen, wieder abgearbeitet werden.


Landwirtschaftliche Geräte waren mitzunehmen, aber ohne Stiele. Jede Familie sollte eine Nähmaschine mitnehmen. Musikkundige sollten ihre Instrumente mit Noten und Liederbüchern mitnehmen.


Zuwiderhandlungen in der Siedlung führten zur entschädigungslosen Entfernung aus Dreizehnlinden.


Es war wünschenswert, wenn jede Familie noch über ein kleines Kapital verfügte.


Voraussetzungen waren weiters volle Gesundheit, die Altersgrenze war 50 Jahre und guter Leumund. Familienväter waren der Altersgrenze nicht unterworfen.


Im September 1933 hatte Thaler seinen ersten Siedlungsstrupp beisammen und er verließ ohne seine Familie mit 84 Siedlern Innsbruck am 8. September 1933. Die Reiseroute wird auf dem nächsten Zeitungsartikel sehr gut beschrieben.


Die Reiskosten wurden von der Siedlungsgesellschaft getragen. Diese musste an die brasilianische Regierung ein 'Kopfgeld' pro Siedler entrichten.


Kleine Volkszeitung 9.9.1933



Andreas Thaler beim Besteigen des Zuges in Wörgl nach Genua. Mit dabei war auch Pfarrer Johann Reitmeier. Um 1:00 Uhr in der Früh ging die Reise los.



Verladung der Fracht auf die Pricipessa Maria in Genua.


Über den Atlantik ging es mit dem Dampfschiff Principessa Maria. Das Schiff verließ Genua am 10. September 1931 um 14:00 Uhr. Thaler feierte an diesem Tag seinen 50. Geburtstag.



Die Siedler auf hoher See.


Zwischenstopp in Neapel, Italien mit dem Vesuv im Hintergrund.



Zwischenstopp in Algier, Algerien.


Schon damals gab es auf dem Schiff eine Äquatortaufe. Dieses Ritual wird bis heute gepflegt. Der Äquator verläuft auf dieser Route etwas unterhalb von Venezuela. Die Siedler hatten also danach nicht mehr allzu weit.



Bei einem Zwischenstopp in Recife betraten die Siedler das erste Mal brasilianischen Boden.


Der nächste Halt war in Salvador de Bahia, Brasilien. Haifischknochen im Sand, Häute von Riesenschlangen als Reiseandenken und sehr viele Neger, schrieb einer ins Reisetagebuch.


Am 18. September kamen die Siedler kurz nach Mitternacht in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro in Brasilien an. Auf der für Einwanderer bereitgestellten Blumeninsel verbracht die Siedler die nächsten 8 Tage bis alle Formalitäten erledigt waren.


Rio wurde damals als schönste Stadt der Welt gepriesen.



Die Häuser in Rio de Janeiro schienen für die Siedler in den Himmel zu wachsen.


Am 6. Oktober ging die Reise mit dem kleinen Küstendampfer Berpendi weiter.


Der nächste Stopp war Santos, Brasilien. Santos ist der Hafen für die Großstadt Sao Paulo.


Endstation war Sao Francisco am 11.Oktober 1933.


Wie man sehen und lesen kann, war die Schiffsreise sicher auch interessant für die Siedler mit vielen Halten und Sehenswürdigkeiten. Die Dampfschiffe brauchten dieses Stopps, da sie nur limitierte Mengen an Frischwasser für die Dampferzeugung bunkern konnten.


Mit der Eisenbahn ging es weiter nach Barra do Sao Bento (heute Itapui).



Die ersten Eindrücke in Richtung Dreizehnlinden.


Die Mündung des Rio de Peixe in den Rio Uruguay bei Marcellino Ramos.


Vorbei am Dorf Cruzeiro do Sul, das 1934 Bezirksstadt wurde.


Die Haltestelle Barra do Sao Bento ist erreicht. Alle Siedler aussteigen, bitte.


Um die Mittagszeit dort angekommen, stieg man auf Ochsenkarren und rumpelte zum Rio do Peixe, den man mit einer Barke überquerte.


Der Rio de Peixe, umrandet mit Pinien.



Weiter ging es durch dichten Urwald der neuen Heimat entgegen. Die Siedler erreichten ihr Ziel am 13. Oktober in dunkler Nacht. Sie hatten Sede Sao Bento erreicht, dass Thaler später in Dreizehnlinden umbenannte.


Dreizehnlinden: Welliges Hochland mit Busch und Pinienwäldern.


Die Gruppe um Anton Schaupenlehner wartete schon sehnsüchtig auf die Neuankömmlinge. Es gab einige alte Hütten von Siedlern, die die Gegend längst wieder verlassen hatten. Hier fanden die Siedler notdürftige Unterkunft. Auf einem Hügel stand eine kleine Bretterkirche. Auch einige deutsche Siedler begrüßten die 'Neuen' herzlich.


Man war froh Verstärkung zu erhalten, da die Eingeborenen immer wieder in das Siedlungsgebiet eindrangen. Der erste Trupp bestand hauptsächlich aus Familienvätern, die zuerst einmal Behausungen bauen sollten um ihre Familien nachkommen zu lassen.


Die Klimaumstellung machten einigen Siedlern am Anfang zu schaffen. Die beginnende Pflanzzeit verdrängte das Heimweh.


Noch vor Weihnachten erreichte ein weiterer kleiner Siedlungstrupp aus Österreich die Siedlung.


Die ersten Siedler hausten in diesen Baracken.


Die Siedler erwarte zunächst das landesübliche Churasco (Spießbraten).


Sofort baute man eine Feldküche und die ersten Tirolerknödel wurden bald serviert.


Wagenkolonne im Jahr 1933.



Weihnachten war natürlich komisch, mitten im Sommer, wo alles in der Blüte stand.


Der alte Tiroler Brauch der 'Anklöpfler' an Weihnachten wurde dennoch gepflegt. Es gab unter den Siedlern auch gute Sänger und Musikanten.


Später ging man gemeinsam zur Christmette in das kleine Kirchlein.


Als besonderes Weihnachtsgeschenk erhielt jeder männliche Pionier von Thaler ein Grundstück mit einem Joch (6400 Quadratmeter), dass er an einem Tag pro Woche bewirtschaften durfte. Ansonsten wurde Kommunenarbeit geleistet. Für alle späteren Siedler schafften diese Pioniere den Grundstock.


Ein abgedruckter Brief eines Siedlers, der die ersten Eindrücke in seiner neuen Heimat schildert.


Innsbrucker Nachrichten 4.12.1933



Thaler hatte seit seiner Ankunft in Brasilien den Kopf voll und ein neuer Name für seine Siedlung war nicht vordergründig. Einmal reiste er geschäftlich nach Porto Alegre. Dort betrat er einen Buchladen. Sein Blick fiel auf Wilhelm Weber's Werk 'Dreizehnlinden'

Bei diesem Epos geht es um die Missionierung durch die katholische Kirche und um die Vertreibung der Heiden.



Das passte zu Thaler's katholischem Wertesystem und war der perfekte Name für die neue Siedlung.


Dreizehnlinden war geboren.




Im Frühjahr 1934 reiste Andreas Thaler zurück nach Österreich um Werbung für seine Siedlung zu machen, neue Siedler zu generieren und auch um seine Familie nachzuholen.


Neues Wiener Journal 6.5.1934



Auf der Rückreise nach Österreich schrieb Thaler in poetischer Form seine Eindrücke über Dreizehnlinden nieder. Diese erschienen später in der Faschingszeitung von Dreizehnlinden.





Am 24. Juli 1934 wurde Thaler's Förderer Engelbert Dollfuß in Wien von den Nazis ermordet.


Nur Tage danach am 31. Juli verließ Thaler mit seiner Familie und 250 weiteren Siedlern Genua mit der Pricipessa Maria Richtung Brasilien.


Vor der Abreise in Innsbruck.



Mit an Bord war die Familie Fidelius Felder (Rotobüblars) aus Mellau. Fidel war ein Bruder von Leopold Felder, dem Großvater und Urgroßvater der heutigen Familie Felder (Transporte) aus Mellau.


Fidel und seine Frau Katharina hatten 16 Kinder. Der älteste Sohn Hermann reiste mit 20 Jahren nach USA aus und die älteste Tochter war bereits in Vorarlberger verheiratet. 2 Kinder starben vor der Abreise. Die übrigen 12 Kinder wurden auf die grosse Reise nach Brasilien mitgenommen.


Fidel Felder war zu dieser Zeit Waldaufseher in Bürserberg, Vorarlberg. Ausschlaggebend für die Ausreise war für ihn der drohende Krieg. Er war Weltkriegsteilnehmer und wollte dieses Schicksal ihm und seinen Söhnen ersparen.


Ein junger Auswanderer auf der Principessa Maria auf dem Weg nach Brasilien.


Die Familien Felder siedelte im 2. Dorf und Ortsteil namens Babenberg.


Die Familie Felder aus Mellau.



Andreas Thaler mit dem ersten in Dreizehnlinden zur Welt gekommenen Kind.



Das Leben der frühen Siedler in Dreizehnlinden.


Thaler erstellte einen detaillierten Masterplan für sein Siedlungsvorhaben.


Das Zentrum war Dreizehnlinden. Dort befand sich die Kirche, die Schule, die Ziegelei, die Werkstätten der Handwerker, die Säge und in Bälde auch Arzt und Krankenschwester. Ausserdem befanden sich dort Wohnungen und Gemeinschaftsräume für Neuankömmlinge. Sobald genügend Land urbar gemacht wurde, konnten die Siedler dann ihre Kolonien beziehen. Eine Wegstunde entfernt sollte dann neue Dörfer entstehen. Auf den bereits gekauften 50 Quadratkilometer Land war Platz für 3 Dörfer.


Dreizehnlinden in den frühen Siedlungsjahren.


Ein Landlos von 20 ha kostete die Siedler 1500 Schilling, die abbezahlt werden mussten. Auch das bereitgestellte Vieh musste gekauft werden. Eine Familie bekam zunächst höchstens 20 ha Land zugewiesen.


Als notwendige Haustiere wurden angesehen: 1 Paar Ochsen, 2 Kühe, einige Ziegen und Schafe, 1 bis 2 Pferde, einige Schweine und Hühner.



Das vorhandene Bargeld musste in erster Linie für den An- und Ausbau der Siedlung verwendet werden. Der Bargeldmangel belastete zusehends den wirtschaftlichen Aufstieg.


Deshalb führte Thaler ein Gutscheinsystem ein und die Gutscheinwährung hieß Milreis (alte portugiesische Währung die bis 1926 auch in Brasilien verwendet wurde. Die Währung war nach Stunden- und Tagwerken gestaffelt.


Das Gutscheinsystem fand die Zufriedenheit aller und konnte später wieder aufgehoben werden.


Thaler's Absicht war auch, dass die Siedlungswährung ausserhalb der Siedlung wertlos war und die Siedler mit dem erwirtschafteten Geld keine Passage zurück in die Heimat kaufen konnten.


2 mittlere Kühe kosteten 300 bis 400 Milreis (130 bis 170 Schilling)



Ein Arbeiter verdiente pro Tag 2 Milreis.


Unbemittelte Siedler mussten so lange in der Gemeinschaftssiedlung arbeiten, bis sie die Mittel zum Ankauf einer eigenen Kolonie beisammen hatten.


Blick ins Zillertal im Ortsteil Babenberg.


Die Siedler mussten einen Tag pro Woche Komunenarbeit leisten. Die von der Verwaltung zugewiesenen Kleinlose lagen rund um das Zentrum. Hier konnten Handwerker sofort Werkstätten und kleine Wohnhütten bauen. Bauern konnten ausprobieren, welche Sorten ertragreich waren. (Die ersten Siedler mussten zuerst für die Siedlung arbeiten und manche konnten ihre erworbene Kolonie erst 1937 bewirtschaften.)



Zuerst wurde das Land vermessen und zugeteilt. Die Kolonialarbeit begann mit dem Abholzen der Wälder. Nach 2 Monaten war das Holz trocken. Bei günstigem Wind wurde dann das Unterholz brandgerodet. Danach wurde in der Asche Mais angebaut.


Der Landvermesser.



Es wurden Brotgetreide, Reis, Mais, Kartoffeln, Maniok, Erdnüsse, Sojabohnen und Süßkartoffeln, sowie rote und weisse Rüben angebaut. Es wuchsen alle heimischen und italienischen Gemüsesorten. Weiters wurden Flachs und Lein angebaut. Auch Wein gedieh vorzüglich in Dreizehnlinden. Früchte wie Melonen und Kürbisse gediehen besonders gut. Auch Tabak konnte man anbauen.


Kürbisernte in Dreizehnlinden.


Kaufleute wollte man keine in der Siedlung, es gab ein Gemeinschaftswarenhaus.


Ochsen galten als Zugtiere und Pferde als Reittiere.


Die Fenster wurden mit Balken geschlossen, da es noch kein Glas gab in Dreizehnlinden.



Für den tiefgläubigen Christen Andreas Thaler war natürlich die Kirche ein besonders Anliegen. Auch der Tiroler Dialekt, die Bräuche und Gepflogenheiten mussten in der neuen Heimat tief verwurzelt sein.


Zu allererst wurde die kleine Pfarrkirche in Dreizehnlinden saniert.


Der aus der Steiermark stammende Pfarrer Johann Reitmeier war bereits beim ersten Siedlungstrupp angekommen. Er war Mädchen für alles. Er assistierte bei Operationen, gab ärztlichen Rat, half bei der Korrespondenz mit der Heimat und dergleichen mehr.


Bei einem Waldfest mit Pfarrer Reitmeier und Andreas Thaler.


So präsentierte sich der brasilianische Baustil der einheimischen Bevölkerung (Caboclos).



Das im Februar 1934 fertiggestellte 28 x 16 x 12 Meter große Wirtschaftsgebäude brannte im Herbst ab. Das war ein schwerer Schlag für die Siedler. Im Gebäude befanden sich auch die Lebensmittelvorräte und die angeschafften und mitgebrachten Maschinen. Vermutet wurde Brandstiftung.



Der Brand im September 1934.


Die Löschwasserkette im Sonntagsgewand vom Brunnen zum Brandobjekt.


Innsbrucker Nachrichten 22.10.1934


Thaler hatte die Bedürfnisse der umliegenden Gemeinden und Städte sehr gut studiert. Dies berücksichtigte er in seinem Masterplan um später mit angebauten und erzeugten Produkten Handel betreiben zu können.


Schmalz und Fett konnte man gut verkaufen, also züchtete man Fettschweine und Masthühner, Gänse und Enten. Hingegen Schlachtvieh gab es in Brasilien zur Genüge.

Der Verkauf von Milch und Milchprodukten war auf Grund der Haltbarkeit nicht möglich.


Weiters waren Möbelholz, geschnittenes Bauholz, Mauer- und Dachziegel und Entwässerungsrohre sehr gefragt.


Zum Ausbau der Siedlung brauchte Thaler Maurer, Zimmerleute, Metzger, Glaser, Schmiede, Schlosser und. Spengler.


Die Kolonie Zillertal.


Für die spätere Produktion benötigte er Wagner, Töpfer, Mechaniker, Schuster und Schneider.


Alle Handwerker mussten die Werkzeuge aus der Heimat mitbringen. Alles war in Brasilien erhältlich, aber es galt der Grundsatz, dass alle Artikel aus Österreich bezogen werden mussten. Die Grundmaterialen wurden Vorort eingekauft.


Der Kupferschmied mit angeschlossener mechanischer Werkstätte.


Mit Ausnahme der Bauhandwerker betrieben alle anderen Handwerker eine Landwirtschaft um die Ernährung der Familie sicherzustellen. Die Familien mussten die Landwirtschaft selber betreiben, da Knechte und Mägde als unrentabel angesehen wurden.


Eine der ersten technischen Errungenschaften war die zusammengebaute Dreschmaschine von Josef Haas.


Auch der erste Traktor stammte aus der mechanischen Werkstätte von Josef Haas.



Innsbrucker Nachrichten 28.6.1935


Die ortsüblichen Bretterhäuser waren für die Siedler ungeeignet, da es in Dreizehnlinden grosse Temperaturschwankungen gibt mit Minusgraden im Winter. Die Siedlungshäuser wurden fortan solide gebaut. Die Grundmauern wurden aus Stein mit Lehmmörtel gebaut, das Erdgeschoss mit Ziegeln und der 1. Stock in Holzbauweise.


Die Ziegelei.


Die Wandersäge.


Die Tischlerei.



Trinkwasserquellen gab es genug und das Vieh trank aus den Bächen.


Elektrischer Strom wurde zunächst mit einem Holzgasmotor hergestellt, doch schon bald dachte man über einen Ausbau der Wasserkraft nach.


Die Kolonie Gratt mit Brotbackofen.


Andreas Thaler und seine Familie vor dem Ministerhaus.


Die Holzhütte von Pfarrer Reitmeier.


Pfarrer Reitmeier mit Hund bei einem Sonntagsausflug zum Wasserfall.



Die feierliche Einweihung der Ringstrasse in Dreizehnlinden.


Die erste Tochtergemeinde war 1934 Babenberg.

Alles sechs Kilometer sollte eine Kapelle errichtet werden. Im Laufe der Zeit entstanden in Dreizehnlinden 12 sogenannte Kapellengemeinden.


Babenberg mit dem kleinen Kirchlein.


Die Babenberger vor ihrem Gemeinschaftshaus.


Das erste gerodete Feld in Babenberg.


Im Dezember 1935 wurden in Babenberg 70.000 kg Weizen und Roggen geerntet.