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Wie das Bravo Heftle die Musik in den Bregenzerwald brachte

Soweit ich mich zurück erinnern kann, lief bei uns zuhause ständig das Radio. Das Radio war eine große Kiste mit grüner Leuchtschrift und vielen beigen Knöpfen. Damals in den 60er Jahren gab es noch stündliche Musiksendungen mit verschiedenen Musik Richtungen. Die meisten rührten noch vom amerikanischen Besatzungssender nach dem 2. Weltkrieg her. Es gab Jazz, Swing, Big Band Sound und Country und Western Musik. Ansonsten wurden die gängigen Schlager sowie die bekannten volkstümlichen Hits der Original Oberkrainer, Egerländer etc. im Radio gespielt. Ganz besonders gut erinnere ich mich an die Krankenwunschsendung am Sonntag Nachmittag. Man konnte musikalische Grüsse an Familie und Freunde schicken, die gerade einen Spitalsaufenthalt genossen. Titel wie 'Zwei alte Leute zuhaus' von den Original Oberkrainern, Mama von Heintje etc. waren die Hits.


Mein erstes musikalisches Highlight war, als ich 1969 bei meinem Schulfreund Horst Hörburger im Roßhaag in Egg Michael Holm's Single Mendocino hörte.

Den Sender Ö3 gab es bereits seit 1967, konnte aber bei uns nur auf UKW empfangen werden. Unsere alte Kiste hatte viele Tasten und Knöpfe, aber kein UKW.


Taschengeld hatten wir während der Schulzeit keines. Aber irgendwie langte es immer für ein BRAVO Heftle. Jeden Dienstag, oft in der großen Pausen standen wir Schlange beim Behmann Laden um eine BRAVO zu ergattern.



Die BRAVO was die erste Jungenzeitschrift im deutschspachigen Raum und startete mit der Erstausgabe am 26. August 1956. Die BRAVO ist somit einen Monat und einen Tag älter als ich.

Der Gründer war Journalist Peter Boenisch aus Berlin, der spätere Chef Redakteur der Bild Zeitung und Regierungssprecher der Kohl Regierung in Deutschland.

Ab 1968 erschien die BRAVO wöchtlich, vorher alle 14 Tage. Ab 1968 war die BRAVO auch bei uns in der Klasse ein grosses Thema, ja beinahe ein Hauptfach. Tone Fetz (Fäatzo Tönele, Wendelin Comper, Horst Hörburger, Kaspar Schneider (Gores Seppo Kaschpa) und ich interessierten sich für die BRAVO.

In anderen Zeitschriften, im Fernsehen und im Radio erfuhr man überhaupt nicht, was musiktechnisch los war in der großen weiten Welt. Die BRAVO war das Maß der Dinge.

Am wichtigsten für mich war die BRAVO Musicbox. Das war die Hitparade der BRAVO mit den neuesten Schlagern und Hits. Diese Hitparade wurde wöchentlich am Mittwoch nachmittag um 17:00 Uhr von Radio Luxemburg ausgestrahlt. Der Moderator im Rundfunk war damals Dieter Thomas Heck. Leider konnte man Radio Luxemburg nur auf UKW empfangen und unser altes Radio hatte keine UKW.

An Weihnachten 1969 bekam ich vom Christkind ein batteriebetriebenes Transistor Radiöle mit UKW. Auf einmal war ich in der Lage, die Hitparade zu hören, während ich unseren bescheidenen Viehbestand hütete. Zur Musikauswahl komme ich später noch.



Dann gab es in jeder BRAVO einen sogenannten Starschnitt. Pro BRAVO gab es einen DIN A3 grossen Ausschnitt einer Musikgruppe, eines Interpreten oder auch eines Schauspielers. Wenn man alle Schnitte zusammengklebte, erhielt man seine Idole in Lebensgrösse. Diese Idole zierten damals die Wände der Zimmer vieler Jugendlicher. Für die Beatles in Lebensgrösse brauchte man 44 Teile. Es war natürlich ein grosses Unglück, wenn einem der Hosenladen von John Lennon fehlte. Somit entstand eine regelrechte Börse und BRAVO Heftle wurden untereinander gehandelt. Natürlich war es ein geniales Marketing Konzept des Herausgebers.

Hier sehen wir den Starschnitt der Popgruppe Sweet


Ebenso wichtig und speziell bei den Mädchen angesagt war die Aufklärungsrubrik

'Was Dich bewegt'.

Der Arzt, Phsychotherapeut und Religionslehrer Martin Goldstein beantwortetete ab 1969 unter seinem Pseudonym Dr. Jochen Sommer geduldig alle Fragen zur Sexualität und anderen Beziehungsproblemchen der jungen Menschen von damals.

Nun aber zur Musik der später 60er und frühen 70er Jahren. Wir waren wirklich zur rechten Zeit am rechten Platz. Nie wurden mehr neue Musikrichtungen geschaffen, wie in dieser Zeit. Damals fand eine regelrechte Revolution statt. Seit dem Woodstock Festival 1969 blieb kein Stein mehr auf dem anderen. Neue Gruppen, diesseits und jenseits des Atlantiks schossen wie Pilze aus dem Boden. Natürlich kannten wir die Schlager der 60er Jahre, wir kannten die Rolling Stones und die Beatles. 1969 kam 'Die Reifeprüfung in unsere Kinos und damit der Titelsong von Simon and Garfunkel 'Mrs. Robinson'. Simon and Garfunkel brachten innerhalb kurzer Zeit die beiden grünen LPs auf den Markt mit Supermusik.


1969 rollte die Kalifornische Country-Rock Band mit dem unaussprechlichen Namen 'Credence Clearwater Revival' auf uns zu und produzierte einen Hit nach dem anderen. Die Clearwater Brauerei, die in den USA für Reinheit warb, stand Pate für diese Gruppe.


Gruppen wie Joe Cocker und Ten Years After kannten wir von Woodstock her. Auch Jimi Hendrix und Janice Joplin waren in aller Munde. Die Beatles produzierten nach langer Pause das weltweit erste Doppelalbum, das schlicht als weisses Album in die Geschichte einging. 1969 trauterten wir alle um den Rolling Stone Brian Jones, der schnell von Mick Taylor ersetzt wurde. Die Stones hatten damals eine schöpferische Pause und lieferten erst 1971 mit Sticky Fingers wieder ein brauchbares Album ab.

1970 kam 'Easy Rider' als erster moderner Musikfim in unsere Kinos, danach folgten 'Hair' und 'Love Story'. Alle diese Filme lieferten einen genialen Soundtrack. 'Born to be wild' von Steppenwolf, Wasn't born to follow' von den Byrds und 'Aquarius/Let the sunshine in' von den Fifth Dimension sind heute Klassiker.

Der Austropop datiert zurück bis in die 60er Jahre. Aber richtig los ging es 1970 mit der Worried Men Sciffle Group und dem Titel 'Glaubst i bin bled' und natürlich Marianne Mendt's Glock'n. 1971 folgte dann Wolfgang Ambros's Hofer. Da mussten wir Wälder zuerst einmal nachfragen was 'leinwand' heißt.

1971 schafften es dann die ersten Rock Gruppen bis in den Bregenzerwald. Natürlich im BRAVO Heftle.

Die ersten Titel in der Hitparade waren Whole lotta love von Led Zeppelin, Black Night von Deep Purple, Paranoid von Black Sabbath und Easy Livin' von Uriah Heep. Etwas später folgte dann auch Pink Floyd.

Fast gleichzeitig entstand der Glamour Rock. Diese Rockgruppen stachen durch ihre extravaganten Bühnenkostüme hervor. Am bekanntesten waren damals Garry Glitter, T. Rex, Kiss und Alice Cooper. Etwas später folgte dann David Bowie.

Auch der Pop Rock enstand in dieser Zeit. Als ich 1972 die Handelsschule in Bregenz besuchte, ging ich oft ins Cafe Greiter am Bahnhof und leistete mir ein Softeis, während ich aufs Wälderbähnle wartete. Der Wurlitzer im Cafe war gespickt mit super Musik. Der Buchstabe S war besetzt mit Titeln von Sweet, Slade und Smokie. Das waren die ersten Pop Rock Gruppen.


Ich bin bis heute ein hartgesottener Rolling Stones Fan. Deshalb hatte ich relativ früh schon Zugang zum Rock 'n Roll und zum Blues. Ich wusste, dass die 'alten Stones' mit ihrer Musik immer wieder zurück zu ihren Idolen Chuck Berry und Muddy Waters fanden.

Die BRAVO Hitparade im Sommer 1972


Ich war im Adler im Mellau im 2. Lehrjahr als Koch, als mein Chef auf die Idee kam eine Kellerbar zu bauen. Ich habe die Bar nebenher betrieben. Das heißt neben der Kochlehre ab Weihnachten 1975 bis nach Ostern 1975 jede Nacht ohne einen freien Tag. In Mellau waren damals zwei hübsche belgische Zwillingsdamen auf der Suche nach heiratswilligen Mellauern. Oft kamen sie zu mir in die Bar mit ihren Singles. Das war Musik, die nun wirklich niemand bei uns kannte. Schwarzer Soul aus den USA wie Marvin Gaye, Stevie Wonder, Diana Ross etc.

Auch der sogenannte Happy Sound war im Bregenzerwald angekommen. Gruppen ,wie die Les Humphries Singer und Middle of the Road, waren typische Happy Sound Gruppen. Die Les Humphries Singers gaben 1974 ein Konzert in Lustenau und Middle of the Road habe ich viele Jahre später im Rathaussaal in Andelsbuch gehört.


Mein erstes Konzert war übrigens 1971 auch in der Rheinhalle in Lustenau. Ich bin heute stolz, dass ich Cat Stevens live gesehen habe. Heute kennt man diesen Herrn unter dem Namen Yusuf Islam, nachdem er zum Islam konvertierte.

Ab 1973 besuchte ich den Felsenkeller von Franz Fetz am Bödele sporadisch. Franz legte auf und hatte immer Musik, die man sonst nirgens zu hören bekam. Mehrmals fragte ich im Schallplattengeschäft Stemmberger, Kaiserstrasse, Bregenz nach Titeln. Herr und Frau Stemmberger waren sehr nette und sehr geduldige Leute. Oft durchsuchten sie ausdauernd alle Listen, aber nie fanden sie die Titel, die ich nur aus dem Felsenkeller kannte. Hier ist ein Bild von meinem STAR DJ von damals.


Es gibt viele Titel, die mich an den Felsenkeller erinnern. Einige davon sind Take Five von Dave Brubeck, Atlantis von Donovan, Walk on the wild side von Lou Reed, She's a rainbow von den Rolling Stones, Papa was rolling stone von The Temptations, Bob Marley Titel u.v.m.

Eine ganz wichtige Sache in der BRAVO war immer die Wahl zum Mädchen und Jungen des Jahres. Aus circa 3000 Bewerbungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kamen 15 in die finale Runde und durften zur Endausscheidung. Otti Bischofberger von der Sonne in Mellau hatte 1973 heimlich seinen Mellauer Kochlehrling Franz Linsberger von Mellau, Hirschlitten angemeldet. Auf einmal tauchte die BRAVO Redaktion in Mellau auf und machte Bilder und Interviews. Franz Linsberger erreichte schlußendlich den 3. geteilten Gesamtrang. Er war ja auch ein ganz schneidiger Kerle.

Ab 1974 schwappte die Disco Well über den grossen Teich und erreichte uns im Wald. Die erste Single in meiner Sammlung nannte sich TSOP von MFSB. Das war ein Kürzel für: The sound of Philadelphia von

Mother, Father, Sister, Brother. Bei diesem Titel tanzte man zum ersten mal im Disco Stil zu Streicher- und Bläsersätzen, während The Three Degrees ihren Chorus herunter trällerten. Das war die grosse zweite Chance für die verstaubte Soul Fabrik von Tamla Motown, dem Platten Label aus Detroit. Auf einmal befasste man sich auch bei uns mit der schwarzen Musik aus USA. Gruppen wie Sam & Dave, die O'Jays, Edwar Starr, The Temptations, Dianna Ross und die Supremes erlebten ihr Revival. Auch den Funk von James Bown haben wir durch die Disco Welle entdeckt.


Etwas später tanzte man dann auch zur Musik von schwarzen Interpreten, die eigentlich aus dem Jazz Lager kamen. Beispiele hierfür sind Barry White und Lou Rawls

Der 19. Eurovision Song Contest fand im April 1974 im englischen Seebad Brighton statt. Sieger war die schwedische Gruppe ABBA mit ihrem Titel Waterloo. Ab sofort wurde diese Musik schlicht als POP bezeichnet.


Ab 1975 machte Bob Marley and the Wailers den Reggae aus Jamaica salonfähig. Der erste Reggae Titel der bereits 1967 in den englischen Charts war kam von Desmond Dekker - The Israelites, heute ein Klassiker.

Die Schlagen muss man natürlich auch noch erwähnen. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, die ausländischen Schlagerstars aufzulisten, die von den 50er Jahren bis in die 70er Jahre alle Titel auf Deutsch gesungen haben. Das waren über 90 % aller Interpreten. In den 60er Jahren war der deutsche Musikmarkt der grösste in Europa. Die Beatles waren bereits 1962 mit My Bonnie in den deutschen Charts. In England schafften sie das erst 1964.


1977 kamen Ulli Troy aus Egg und Hermann Stadelmann aus Alberschwende auf einmal als Stemmeisen und Zündschnur daher mit ihrem Bändle 'A Wäldarfise'. Die meisten Bregenzerwälder hatten längst vergessen was eine Fise ist. Ihre Cover Songs im Egger Dialekt gesungen hoben ab wie eine Rakete und sind bis heute Kult.


Das erste Konzert von Stemmeisen und Zündschnur.



Abschliessend darf ich sagen dass wir in unserer Jugend fast alle neuen musikalischen Trends erleben durften. In dieser Zeit kam natürlich noch die Anti Baby Pille auf den Markt, die manche Frau von Zwängen befreite und das Leben lebenswert machte. Der Radiosender Ö3 wurde immer beliebter und die BRAVO war nicht mehr ganz so wichtig.

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